Bevor Sie den Namen des Blattes verraten
Wenn ein Kind Ihnen ein Blatt hinhält, möchte man zuerst den Namen dazu liefern. Wie wäre es, ein Foto und das echte Blatt nebeneinanderzulegen und dem Kind Zeit zu lassen, selbst zu schauen, zu tasten, zu sagen? Eine kurze Geschichte für Bezugspersonen von Vier- bis Sechsjährigen.

LEARNING / 06
Das Kind hält das aufgesammelte Blatt hin. „Was ist das?“ Bevor man am Handy den Namen sucht, macht man erst einmal ein Foto davon. Was für ein Gespräch entsteht, wenn das echte Blatt und das Bild nebeneinanderliegen? Es folgt eine erdachte Szene: ein Kind zwischen vier und sechs Jahren und eine erwachsene Begleitung, die gemeinsam hinsehen.
Groß gezogen auf dem Foto
Beim Vergrößern werden feine Linien sichtbar, die quer über das Blatt laufen.
„Da sind ganz viele Wege.“
Statt sofort das Wort Blattadern nachzuschieben, schaut die erwachsene Person dorthin, wohin das Kind zeigt. „Von wo bis wo geht das denn?“ Der Finger wandert von der Mitte des Bildschirms zum Rand. Ein Foto eignet sich gut, um einen kleinen Ausschnitt gemeinsam zu betrachten. Nur bleibt unter der Fingerkuppe immer glattes Glas, so weit man auch hineinzoomt.

Umgedreht und angefasst
Jetzt wird das echte Blatt umgedreht. Ein sauberes Blatt, das die erwachsene Person zum Anfassen ausgesucht hat. Das Kind fährt langsam mit den Fingerspitzen darüber und sagt:
„Hier stehen die Striche raus.“
Vorder- und Rückseite werden abwechselnd betastet. Auch wie leicht sich das Blatt auf der Handfläche anfühlt, ist eine Beobachtung, die sich neben das Foto legen lässt. Ein genaues Gewicht erfährt die Hand damit natürlich nicht. Im Moment geht es darum, den erlebten Unterschied in Worte zu fassen.

Ein zweites Blatt daneben
Ein zerknittertes braunes Blatt kommt dazu. Das Kind sieht beide an und sagt: „Das ist wie Papier.“
„Was daran ist wie Papier?“
Vielleicht liegt es am trockenen Rand, vielleicht am Geräusch beim leichten Bewegen. Statt die Antwort vorzugeben, hört man sich die Erklärung des Kindes an. Und wenn es nicht anfassen mag, muss man nicht darauf bestehen. Unterschiede lassen sich auch mit den Augen finden und benennen.


Wenn später der Name nachgeschlagen und gelesen wird, gibt es etwas, womit sich das Gelesene abgleichen lässt. Die Suche im Netz und die vorbereitete Erklärung dürfen dann dazukommen. Als Notiz des Tages genügt statt einer Liste richtiger Antworten ein einziger Satz des Kindes. „Die Striche auf der Rückseite haben meine Hand berührt.“ Was auf dem Foto nicht bleibt, bleibt so in den Worten des Kindes.
Das Gespräch zwischen Kind und Bezugsperson ist eine erdachte Szene, die eine Aktivität anregen soll. Es handelt sich nicht um einen Fall mit gemessenem Lerneffekt.